Das Schutzgebiet zwischen Rostock und Rügen zählt zu den letzten intakten Großlandschaften Europas. Nirgends sonst liegen Steilufer und Flachküste, Landzungen, Strandseen, Bodden, Dünen, Wälder, Moore, Salzwiesen und Schilfgürtel so dicht beieinander.
Und diese Übergangsbereiche zwischen Land und Meer sind das reinste Vogelparadies: Seeschwalben, Möwen, Enten und Gänse haben hier ihre wichtigsten Brut- und Rastgebiete. Auch rasten hier zweimal im Jahr für einige Wochen bis zu 60.000 Kraniche – soviel wie an keinem Ort des Kontinents. Sie fressen sich auf den Feldern der Region die Reserven für ihren langen Nonstopflug an. Kurz vor Sonnenuntergang reihen sie sich in langen, keilförmigen Perlenketten vor der Glut der untergehenden Sonne auf, um sich in den Flachwassergebieten zum Schlafen niederzulassen. Ein grandioses Spektakel!
Der bisweilen gespenstisch anmutende Darßwald und die in Schilf gerahmten Bodden sind genauso märchenhaft. Doch der Nationalpark ist nicht nur schön. Er ist für den Erhalt der Artenvielfalt unglaublich wichtig und in dieser Hinsicht besonders gefährdet.
Die Lebensräume in Ostsee und Bodden sind ganz unterschiedlich. Das Wasser beider Gewässer ist Brackwasser. Dies wiederum bezeichnet nicht – wie oft angenommen – trübes, schlammiges Wasser, sondern ist eine Mischung aus Süß- und Salzwasser. Die Konzentration des Salzgehaltes schwankt nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich. Je weiter wir von Ost nach West in die Boddengewässer kommen, desto weniger Salz findet sich hier im Wasser gelöst.
Nicht viele Lebewesen können in diesem speziellen Lebensraumexistieren. Die meisten tolerieren die Schwankungen nicht. Aber die, die sich angepasst haben, kommen oft in großer Zahl vor. Die Heringe kommen in großen Schwärmen im Frühjahr zum Ablaichen in die Bodden. Diese werden daher auch die Kinderstube der Ostseefische genannt.
Im Nationalpark ist der dynamische Waldwandel sehr gut sichtbar.
Der Regensommer 2011 überschwemmte weite Waldbereiche und zeigte uns, dass ein Großteil der Standorte eigentlich Moor bzw. Moorwaldstandorte wären, wenn wir nicht entwässert hätten, um Forst- wirtschaft zu betreiben.
Besonders wertvoll ist das Totholz. Es ist stehend, aber auch liegend eine Kostbarkeit. Inzwischen fanden Ökologen des Helmholtz-Zentrums Leipzig heraus, dass die Vielfalt der holzbewohnenden Pilze zwölfmal höher ist, als bisher gedacht. Auch viele kleine und größere Tiere wissen die lebensspendene Phase absterbender Bäume zu schätzen.
Im Nationalpark befinden sich zwei größere Waldgebiete, der Darßwald und der Osterwald. Wald gibt es aber auch auf der Insel Bock, der Halbinsel Bug und auf Hiddensee.
Eine Besonderheit des Darßwaldes sind die vielen Erlenbrüche des Neudarßes und die natürlichen Dünen-Kiefern-Wälder.
Der Osterwald wächst auf einem Hochmoor, das lange Zeit entwässert wurde und das seit 2013 wieder revitalisiert wird.
Erste Schutzanstrengungen für die Vogelwelt in der Boddenlandschaft gab es schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Seit 1978 besteht für die “Boddengewässer Ostufer Zingst, Westküste Rügen – Hiddensee” der Status als „Feuchtgebiet internationaler Bedeutung“ gemäß Ramsar-Konvention von 1971.
Seit Dezember 1992 ist der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft als „Europäisches Vogelschutzgebiet“ gemäß der EG-Vogelschutzrichtlinie gemeldet.
Die Boddengewässer sind das wichtigste Überwinterungsgebiet für Wasservögel im gesamten Ostseeraum. Aber auch als Brutgebiet ist der Nationalpark beliebt. 163 Brutvogelarten gibt es im Nationalpark. Davon sind 67 auf der Roten Liste Deutschlands in eine der Gefährdungskategorien eingeordnet.
Als Kranichrastplatz ist der Nationalpark und sein Umfeld auch bei vielen Touristen bekannt. Von September bis November ziehen rund 60.000 Kraniche durch und bleiben über mehrere Wochen hier. Die Schlafplätze der scheuen Vogel liegen in den flachen Boddengewässern und auf ungestörten Inseln. Aber auch einige Brutpaare finden in den Erlenbrüchen perfekten Lebensraum.
Am Darßer Weststrand, wo der vom Wind zerzauste Wald direkt bis an das Wasser reicht, darf das Meer ungehindert Bäume fällen und an der Küste nagen. Niemand hat der See hier jemals Steine in den Weg gelegt noch Knüppel in die Brandung gerammt. Die aus den Wellenkämmen herausragenden Baumstümpfe hat die Ostsee selbst dorthin geschleppt. Und oben auf dem Rand der Steilküste harren bereits die nächsten Bäume ihres Schicksals. Längst hat die See ihre Wurzeln freigespült. Schon der nächste Sturm kann sie zu Fall bringen.
Jedesmal, wenn sich die Ostsee vom Strand zurückzieht, nimmt es auch etwas Sand mit. So stirbt am Weststrand täglich ein Stück Land.
Doch einige hundert Meter weiter, am Darßer Ort, wird es neu geboren. Die Strömung schleppt den Sand parallel zum Ufer nach Norden. An der Spitze der Inselkette gibt das Wasser das mitgeführte Material wieder ab. Dadurch bilden sich Sandbänke und Inseln.
Der Wind hilft dem Meer bei diesem Aufbauwerk, indem er trockenen Sand zu Dünen anhäuft. Hier siedeln sich die ersten salzliebenden Pflanzen an und befestigen mit ihren Wurzeln das Neuland. Später folgen Dünenheiden mit Zwergsträuchern und schließlich Wacholder und Kiefern. Irgendwann dringen dann Birken, Buchen und Eichen ein und bauen einen Mischwald auf.
Die kleinen, vom Meer abgeschnürten Seen füllen sich unterdessen mit Süßwasser und lassen das Röhricht wuchern. Folgend bilden sich Moore und Erlenbrüche. Das Nebenein- ander all dieser Stadien der Landabtragung, der Neulandbildung und der natürlichen Waldentwicklung stellt die Besonderheit der Inselkette in der Vorpommerschen Boddenlandschaft dar.
Ein Naturprozeß, der in dieser atemberaubenden Dynamik an der gesamten Ostseeküste seinesgleichen sucht.
Hier finden Sie eine Auswahl von Büchern, die wir Ihnen ans Herz legen.